Für Tanz-Nerds: Effiziente & interessante Kommunikation

Vorab: Dieser Artikel ist vor allem für Tanz-Nerds – speziell Paartanzende, welche die tieferen, zugrundeliegenden Zusammenhänge begreifen wollen. Wenn Du Dich da nicht dazuzählst, oder Dich nicht durch einen etwas härteren Theorieteil quälen möchtest, empfehle ich Dir eher einen anderen Artikel wie diesen hier!

Das Bekannte: Paartanz = Kommunikation.

Damit hinterher die Bedeutung der Theorie klar wird, starten wir mit etwas, das Dir als Tanz-Nerd vollkommen klar ist: Paartanz ist Kommunikation. Paartanz ist viele Dinge gleichzeitig, aber ohne dass ein kommunikativer Austausch stattfindet, kann nicht harmonisch gemeinsam getanzt werden. 

Ich vermute, da sind wir uns einig: Es ist eine nonverbale Form der Kommunikation. Aber WAS genau wird dabei ausgetauscht? 

Meine Schüler*innen würden vermutlich beginnen, die wichtigsten Kommunikationswege im Paartanz aufzuzählen: die Präsenz oder Absenz von Körperkontakt und freiem Raum, die Abhängigkeit der Füße von der Frameposition, oder die Bewegungsdynamik. 

Die Grammatik ist nicht der Inhalt

Damit sind wir der Antwort zwar ein wenig näher gekommen, eigentlich wurde dabei jedoch eine andere Frage beantwortet, nämlich WIE wir kommunizieren. Bei den genannten Beispielen handelt es sich um Kommunikationsregeln, eine Art Grammatik, damit wir uns im Tanzpaar verstehen und gemeinsam an einem Strang ziehen. Diese Regeln sind der Inhalt der Tanzkurse, sie sind nötig für die Interpretation, jedoch nicht der Inhalt der Kommunikation im Tanzpaar. 

Der tatsächliche Austausch im Tanzpaar beschränkt sich ausschließlich auf eine physikalische Größe, die leider im Alltagssprachgebrauch inflationär benutzt und gleichzeitig unpräzise oder gar nicht definiert wird. Dabei steckt in der Theorie dahinter und ihrer (physikalischen) Definition eine Chance für tieferes Verständnis.

Ein Exkurs in die Wissenschaft

Ich spreche von der Information. Ich wette, dass Du die Definition nicht kennst, zumindest falls Du nicht Informatik studiert oder David Deutsch gelesen hast. 

Demnach ist Information eine Eigenschaft einer physikalischen Konfiguration, die auch anders sein könnte. Ich habe ja angekündigt, dass Du Durchhaltevermögen benötigst, um hier einen Mehrwert herauszuziehen. 

Ein Beispiel: Wenn Du eine herkömmliche Münze wirfst, und Dir ansiehst, welche Seite nach der Landung nach oben zeigt, steckt in der Lage der Münze (das ist die physikalische Konfiguration) eine Information. Warum? Weil Du dadurch erfährst, dass es sich um die eine, aber dafür nicht um die andere Seite handelt. Angenommen, Du wirfst die Münze und “Kopf” liegt oben, dann ist das informativ und Du weißt automatisch, dass “Zahl” unten liegt. 

Verändern wir das Experiment nun aber und werfen eine Münze mit zwei identischen Seiten (z. B. jeweils Kopf), liefert uns das Ansehen der Münze nach Landung keinerlei Information mehr, weil die Münze in jedem Fall auf der Kopf-Seite landet. 

Man nennt diese definierende Eigenschaft von Information auch „kontrafaktisch“ (engl. counterfactual). Ein informativer Wert bedingt zwingend, dass er auch anders hätte sein können. 

Wie Kommunikation demnach funktioneirt

Kommunikation funktioniert nun dadurch, dass übermittelt wird, welche der Möglichkeiten ausgewählt wurde, beziehungsweise (automatisch) welche nicht. 

Ein Beispiel für Information beim Tanzen ist der Status des Körperkontakts: Körperkontakt ist kontrafaktisch, weil er sowohl präsent, als auch absent sein kann. Über diesen Kanal können Informationen vermittelt werden, wenn beide Partner*innen den Kontakt als Informationsquelle verstehen. 

Jedoch darf Information nicht mit Bedeutung verwechselt werden: Information steht für sich und beinhaltet keine inherente Bedeutung. Bedeutung kann ihr nur durch das (Vor-) Wissen der Person zugeschrieben werden, die sie verarbeitet. Wenn ein Follower also gelernt hat, dass ein abnehmender Kontakt in der Umarmung bedeutet, sich nach vorne zu bewegen und den Kontakt wiederherzustellen, kann der Leader diese Regel für eine Übertragung von Bedeutung verwenden. 

Das Gleiche gilt für die Bedeutungen von Raum, der frei oder versperrt sein kann, Dynamik, die aufrechterhalten oder verändert werden kann, oder Frames, deren Position sich verändern kann. 

Effiziente Übertragung

Nehmen wir nun aber an, eine normale Münze wird geworfen, allerdings hinter einem Sichtschutz. Die Münze liegt, aber Du, als Beobachter weißt nicht auf welcher Seite. In so einem Fall kann über die Münze nicht kommuniziert werden, das Beobachten der Münze ist ein essenzieller Bestandteil dieser Informationsübertragung. 

Das lässt sich im Tanz auf die dauerhafte Absenz des Kontaktes in der Umarmung übertragen, geschlossenen Augen in der offenen Tanzhaltung, oder einen Verlust der eigenen Körperspannung, welche den Frame zuverlässig aufrecht erhält. 

Kanäle funktionieren aber nicht nach dem “Alles-oder-nichts-Prinzip”: Sie können auch gestört sein, was die Kommunikation erschwert, aber nicht unmöglich macht. 

Das ist wie ein Telefongespräch, mit einem Rauschen in der Verbindung. Um den Effekt des Rauschens zu verringern, wiederholt man dort eine weitergegebene Telefonnummer immer nochmal, oder vereinfacht beim Buchstabieren das Verständnis mit Hilfe von Vornamen: A wie Adam, M wie Martha…

Unter guten Kommunikationsbedingungen ist eine solche Redundanz nicht nötig und stört sogar, wie lautes Anschreien in einer leisen Umgebung. Mit einem hohen Rausch Anteil, zum Beispiel in einer Lauten Disco, verändern sich die Voraussetzungen aber. Nicht nur ein hoher Rausch-Anteil des Kanals kann die Kommunikation jedoch beeinträchtigen, auch fehlende Aufmerksamkeit kann den gleichen Effekt haben wie das Rauschen und kann gleichermaßen meist mit Redundanz überwunden werden. 

Werden die Kommunikationsregeln jedoch anders verstanden funktioniert das nicht mehr. Positioniert der Follower seine Füße nicht in Ausrichtung des Frames, ist dieser Kanal ebenso “tot”, wie wenn der Leader mit einer ununterbrochenen Eigenbewegung der Arme und Hände jede mögliche Frame-Information vollkommen verwässert. Dieses Prinzip lässt sich auf eine ganze Reihe andere Beispiele anwenden und ist der Grund warum man sich bei jeder Kommunikation auf den Partner oder die Partnerin einstellen muss.

Die Grenzen der Informationstheorie

Die Informationstheorie nach Claude Shannon besagt, dass jede Informationsübertragung mit Überraschung einhergeht. Aus je mehr Möglichkeiten eine bestimmte Information ausgewählt wird, desto überraschender ist das Ergebnis. Das wird häufig (etwas unpräzise) interpretiert als „je unwahrscheinlicher ein Ergebnis ist, desto größer ist die Überraschung“.

Das Problem ist nur: Diese Art des Wahrscheinlichkeitsdenkens bringt uns beim Tanzen nicht viel. Auch wenn der Leader 20 Schritte hintereinander nach vorn macht, können wir als Follower nicht sicher sein, dass der 21. ebenfalls nach vorn gehen wird. Gerade das Gegenteil könnte der Fall sein. 

Es kommt darauf an, wofür der Leader sich entscheidet. Wenn wir unsere*n Partner*in gut kennen, können wir den 21. Schritt mit unserem Wissen vielleicht voraussehen, allerdings auch nicht zuverlässig, weil unser*e Partner*in sich trotzdem auch immer anders entscheiden kann. 

Nutzen dieser Prinzipien im Tanz

Dementsprechend müssen wir ständig aufmerksam und bereit für Unerwartetes bleiben, selbst wenn in den vergangenen drei Minuten ausschließlich der Grundschritt getanzt wurde. Es ist unmöglich zu wissen, wann uns eine tänzerische Überraschung des Partners erreicht. Beide Partner*innen, aber vor allem der Follower sollten die ständige Aufmerksamkeit und die aktive Suche nach Informationen anstreben.

Leider ist unser Gehirn auf Effizienz getrimmt. Das heißt, wenn sich über einen längeren Zeitraum nichts ändert, schaltet es auf Autopilot und fährt die Aufmerksamkeit auf die Informationsaufnahme herunter. Das ermöglicht das Nutzen der Ressourcen für andere Gedanken – praktisch beim Abwasch, unpraktisch beim Tanzen. Schließlich wollen wir im Moment sein und uns auf den Tanz, auf Partner*in und die Musik konzentrieren. 

Daraus ergibt sich auch eine wichtige Erkenntnis für den Leader: Monotonie killt die Konzentration des Followers. Wer dagegen immer wieder für Überraschungen sorgt, also wer variiert, welche Informationen übermittelt werden, sorgt dafür, dass die gegenseitige Konzentration hochgehalten bleibt.

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